Donnerstag, 3. März 2016

Warum ich nicht mehr vegan bin

Die "Veganwerdung" vor neun Jahren war ein bedeutender Schritt auf meinem Lebensweg. Es war eine klare Herzensentscheidung, aus dem Gefühl der Verbundenheit mit allen Lebenwesen heraus. Auch körperlich tat mir die Ernährungsumstellung gut. Sie half mir dabei, zu lernen, auf meinen Körper zu hören, in mich hineinzuspüren, was mir gut tat und was nicht.

Nach etwa sechs Jahren rein pflanzlicher Ernährung einschließlich längerer Rohkostphasen fühlte ich mich dann irgendwann körperlich nicht mehr wohl. Ich litt häufig an Konzentrationsmangel, fühlte mich trotz ausreichender Kalorien(einschließlich Protein-)zufuhr schwach und hatte das Gefühl, etwas fehle mir. Dann musste ich eine Zeit lang immer wieder daran denken, Käse zu essen, obwohl mir dieser in all den veganen Jahren bis dahin nie gefehlt hatte. Jedes mal, wenn ich im Supermarkt am Kühlregal vorbeiging, schien er nach mir zu rufen - oder etwas in mir nach ihm. Einige Wochen lang ignorierte ich diesen Ruf. Ich konnte es mit meinem Gewissen noch nicht vereinbaren. So stark war meine Überzeugung und Identifikation mit dem veganen und antispeziesistischen Gedankengut.

Ich schrieb in dieser Zeit gerade an meiner Masterarbeit zum Thema Machtverhältnisse zwischen Mensch und Tier im Diskurs. Bei meinen Recherchen befasste ich mich auch zum ersten Mal mit Beiträgen von Personen, die ehemals vegan waren. Früher hatte ich solche Menschen einfach als Verlust empfunden für eine Gesellschaft, die doch in meiner Idealvorstellung immer veganer werden sollte. So las ich zum Beispiel auch, dass Gandhi, der aus tiefstem Herzen für Frieden, Gewaltlosigkeit und Vegetarismus stand, gar nicht vegan war bzw. nur zeitweise. Er sah sich selbst in dem Zwiespalt, den ich selbst gerade erlebte:

“I would give up milk if I could, but I cannot. I have made that experiment times without number. I could not, after a serious illness, regain my strength unless I went back to milk. That has been the tragedy of my life. But the basis of my vegetarianism is not physical, but moral. If any said that I should die if I did not take beef-tea or mutton, even under medical advice, I would prefer death. That is the basis of my vegetarianism.” Quelle

Zudem beschäftigte mich die Tatsache, dass es keine Kultur auf der Erde gibt, die über mehrere Generationen hinweg rein vegan gelebt hat.

Ich besorgte mir verschiedene Nahrungsergänzungsmittel und unterschiedliche pflanzliche Lebensmittel, aber nichts verschaffte mir die Befriedigung, nach der ich suchte.
So gab ich dem Drang irgendwann nach und kaufe - immer noch schlechten Gewissens - den teuersten Bio-Käse, den ich finden konnte. Ich merkte gleich, dass er mir gut tat. So ging ich meinem Verlangen nach Käse einige Wochen lang nach und fühlte mich körperlich und geistig deutlich besser.

Daraufhin fiel ich in eine kleine Identitätskrise. Mir war klar, ich war nicht mehr vegan. Ich konnte dies nicht als "Ausrutscher" werten und vegan weiter machen wie zuvor. Mein Glaube daran, dass eine rein pflanzliche Ernährung für den Rest meines Lebens geeignet sei, war in seinen Grundfesten eingebrochen. Ich hatte auf meine Bedürfnisse gehört und diese über meine ethischen Grundsätze gestellt. Und dies fühlte sich richtig und gut an. Ich fühlte mich in gewisser Hinsicht befreit. Ich wollte nicht dahin zurück, Glaubenssätze über meine natürlichen Bedürfnisse oder gar meine Gesundheit zu stellen.

In den folgenden Monaten wurde mir bewusst, wie sehr ich mich mit dem Veganismus identifiziert hatte und wie sehr er mein Leben und meine Sicht beeinflusst hatte. Einerseits fühlte ich mich hinsichtlich meiner dahinschwindenden veganen Identität in einem Schwebezustand, der mir Kopfzerbrechen bereitete. Andererseits stellte ich fest, wie sich in mir andere Türen öffneten. Ich war plötzlich nicht mehr diejenige, die gegen den Strom schwamm. Menschen fühlten sich nicht mehr allein durch meine Anwesenheit und das Wissen um meine Ernährungsweise angegriffen. Wenn mir jemand etwas zu essen anbot, konnte ich plötzlich sagen: Ist nicht schlimm, wenn Sahne drin ist, ich esse es trotzdem. Eine Befreiung für mich selbst und meine Mitmenschen. Ich fand es auch irgendwie erleichternd nicht mehr zur Gruppe der Veganer zugehören, und mich so nicht mehr - bewusst oder unbewusst - von "nicht-veganen" Menschen abzugrenzen.

Mit der Zeit realisierte ich, dass ich das Vegansein indirekt auch dazu instrumentalisiert hatte, um mich richtig zu fühlen. Solange ich vegan lebte, war mein Platz in dieser Welt gerechtfertigt. Ich verdiente ihn, da ich ja niemandem etwas zu Leide tat, ich war unschuldig, ich machte ja alles richtig. Neben vordergründigen, berechtigten ethischen und gesundheitlichen Beweggründen zog sich doch, so musste ich mir eingestehen, unterschwellig auch diese Idee des "Reinseins" und "Unschuldigseins" durch meine vegane Zeit, insbesondere die Rohkost barg das Versprechen, "rein" zu werden. Mir wurde klar, dass dieses Gefühl des Richtigseins und mein Sebstwertgefühl aus mir selbst herauskommen und nicht  an die Bedingung des Veganseins geknüpft sein sollte.


Auf einer anderen Ebene wurde mir klar, dass der Verzicht auf tierische Lebensmittel nicht automatisch zu einer Reduktion des Tierleides führte. Ich spürte in meinem Herzen, dass der Kampf gegen die Umstände auf der Welt und das Bestreben, diese zu ändern, nicht mehr mein Weg war. Ich spürte, von nun an geht es nur noch darum, in mir selbst aufzuräumen. Es hat ein Perspektivwechsel stattgefunden, der schwer zu beschreiben ist und eigentlich nur selbst erlebt werden kann.





Ich bin bescheidener geworden und respektvoller gegenüber den Lebensweisen und Lebensentscheidungen anderer. Ich urteile weniger und fühle mehr. Jeder hat einen anderen Weg.

De facto ernähre ich mich im Moment hauptsächlich vegan. Meine Priorität ist es, in jedem Moment auf meine Bedürfnisse zu hören, sie zu spüren, danach zu handeln. Außer Fisch esse ich momentan noch kein Fleisch, aber ich schließe nicht aus, dass sich dies irgendwann ändert. Ich möchte mich keinem Label mehr unterwerfen. Seit einiger Zeit fühle ich mich geistig und körperlich fitter und ausgeglichener denn je. Ernährung ist sicherlich ein wichtiger Aspekt auf dem Weg zum Wohlbefinden, aber nicht der Wichtigste und schon gar nicht der Einzige. :)

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